Aktuelles (17.09.2026):
"Wasser gibt es nicht zum Nulltarif"
Investitionsstau, Klimawandel, Cyberangriffe:
Trinkwasserexperte Hans Hümmer im Interview
Herr Hümmer, Wasser ist sicher, heißt es, gleichzeitig wird vor Wasserknappheit gewarnt. Wie passt beides zusammen?
Hans Hümmer: Grundsätzlich sind die in Bayern vorhandenen Wasserressourcen mit den großen Verbundstrukturen ausreichend. Engpässe entstehen, weil Förderanlagen in Spitzenbedarfszeiten zu knapp bemessen sind, Leitungsstrukturen und Leitungsdimensionen bei der Förderung Probleme bereiten und weil der Durchschnitt der bayerischen Wasserversorger zu wenig in Netz- und Anlagenerhalt, in leistungsfähige Förderstrukturen und Verbundsysteme investiert hat.
Gibt es einen Punkt, an dem Sie sagen würden: Jetzt ist die Versorgung tatsächlich gefährdet?
Wir haben in Franken einige trockene Regionen, wie etwa das unterfränkische Grabfeld. Hier müssen unter Umständen neue Verbünde aufgebaut werden. Klimatische Veränderungen mit plötzlichen Starkniederschlagsereignissen und immer längeren Trockenperioden mit zunehmenden Temperaturen werden Probleme bereiten. Die fehlenden Alpenzuflüsse und abschmelzenden Gletscher werden uns über Niedrigwassersituationen wie derzeit an Rhein, Donau
und Main in Zukunft permanent verfolgen.
Wasserzukunft Bayern 2050, Wassercent: Ist das Thema in der Politik angekommen?
Ja, Wasser ist wie immer im Fluss. Gerade beim Schutz unserer Wasserressourcen ist Bayern sehr defizitär. Es müssen zeitnah und durch Abbau von Verfahrenshürden endlich die notwendigen Wasserschutzgebiete ausgewiesen werden. Dabei ist wichtig, dass die Einnahmen aus dem Wassercent wirkungsvoll und ohne bürokratische Hürden für den Trinkwasserschutz eingesetzt werden. Das sehe ich zurzeit noch nicht.
Was stört Sie?
Wir Wasserversorger sind mit den Einführungsmodalitäten des Wassercents nicht einverstanden. Wir fordern Aufzeichnungspflichten mit Zähleinrichtungen für alle, die Wasser entnehmen. Ein moderner zukunftsgerechter Staat muss wissen, was aus den Wasserkörpern entnommen wird. Die öffentlichen Versorger müssen das detailliert tun, andere bedeutende Abnehmer nicht. Das ist ungerecht und keine Gleichbehandlung.
1200 Kilometer Länge, Kosten von fünf Milliarden Euro: Der Freistaat will das bayerische Fernwassersystem massiv ausbauen. Ist das die Lösung für Nordbayern?
Gesetzlich gilt die wohnortnahe Versorgung. Ich betone aber ausdrücklich: Wenn wir die Fernwasserversorger nicht hätten, wären viele Teile Bayerns auf dem Trockenen. Wir brauchen beides, sowohl leistungsfähige Fernwasserversorgungen als auch ebenso leistungsfähige ortsnahe Versorger, vor allem aber bessere Verbundstrukturen und volumengrößere Netzerneuerungen vor Ort. Die von der Landespolitik als Lösung propagierte Megaleitung vom Süden in den Norden wird aber erstens Jahrzehnte dauern. Und ich sehe zweitens das Problem, dass wir auch in den südbayerischen Regionen in Zukunft nicht mehr Übermengen an Wasser zum Abpumpen haben werden.
Was hilft dann?
Wir müssen zuerst die Engpässe mit intelligenten Überlegungen vor Ort angehen. Schließen sich die Wasserversorger zusammen, können sie bei lokaler Wasserknappheit besser reagieren. Und gemeinsam ihre Leitungssysteme so ertüchtigen, dass das Wasser überallhin mengenmäßig ausreichend und mit der nötigen Qualität gelangen kann. Da passiert schon einiges, etwa mit der vom Freistaat geförderten Studie zu möglichen Verbindungsstrukturen vom Nürnberger Land über die Juragruppe bis in den Bamberger Raum. Solche Verbundstrukturen werden die Versorgungssicherheit erhöhen.
Laut Untersuchung des Verbands kommunaler Unternehmen muss die deutsche Wasserwirtschaft bis 2045 rund 800 Milliarden Euro in ihre Netze und Anlagen investieren. Sie bemängeln darüber hinaus seit Jahren Investitionsstaus …
Kommunale Entscheidungsgremien haben den Fehler gemacht, zu wenig in den Anlagenunterhalt investiert zu haben. Ich sehe die Probleme heute nicht mehr beim Freistaat, der seit Jahren wieder fördert, sondern eindeutig bei den kommunalen Entscheidungsgremien. Sie und die Bürgermeister müssen den Menschen ehrlich sagen, dass Kosten dadurch steigen. Hätte man kontinuierlich mehr investiert, würde man nicht vor solchen Problemen stehen.
Warum ist das so?
Es ist unpopulär, dem Bürger steigende Wasserpreise zu vermitteln. Zurzeit wird Wasser für viele Verbraucher wegen steigender Energiepreise und steigender laufender Unterhaltskosten erheblich teurer. Nur: Jetzt sind massive Investitionen unabdingbar, weil die Infrastruktur teils stark heruntergekommen ist.
Wird es also noch teurer?
Sicherlich. Wir müssen uns immer mehr bewusst machen, dass Wasser eine wertvolle Ressource ist, die aufwendig gespeichert und bis zum Wasserhahn mit ausreichendem Druck transportiert werden muss. Und sie ist auch bei sorglosem Umgang eine endliche Ressource.
Gehen wir sorgsam genug damit um?
Das glaube ich nicht. Wir verdichten immer noch viel zu viel Land und die Gesundheit unserer Böden wie Humusaufbau lässt zu wünschen übrig. Auch Windkraftausbau, den ich an sich befürworte, wirkt sich oft negativ aus. Durch derlei Großprojekte in Waldgebieten wird zu viel Wald beseitigt und Boden verdichtet, etwa für die Zufahrtsstraßen zu den Windkraftstandorten und Baustellen. Das schadet dem Wald als wichtigem Wasserspeicher. Auch ist der Bau von Windrädern in Trinkwassereinzugsgebieten strikt abzulehnen. Vor Körperaustrocknung bewahren nicht Klimaanlagen oder Kühlaggregate, sondern ausschließlich das Lebenselixier Wasser. Die öffentliche Wasserversorgung muss Vorrang vor allem haben!
Hinzu kommen auch neue Bedrohungen wie Cyberattacken oder Drohnenangriffe.
Das Wassersicherstellungsgesetz bildet den Rahmen für die Sicherstellung der Versorgung im Katastrophenfall und für Trinkwassernotversorgung im Verteidigungsfall. Welche Vorsorge ein Versorger konkret treffen muss, hängt von seiner Größe, seiner Einstufung und den jeweiligen Gefährdungsanalysen ab.
Sind die Versorger gut vorbereitet?
Notstromversorgung, Redundanzen und Schutz vor Cyberangriffen werden nicht überall auf demselben Niveau umgesetzt. Bei der Juragruppe gibt es aber längst eine umfassende Notstromversorgung, Dieseltanks, ein eigenes Glasfasernetz, das die Abhängigkeit von externen Telekommunikationsanbietern reduziert, und sogar einen eigenen IT-Experten zum Schutz für Cyberangriffen. Täglich registrieren unsere Firewalls 50 bis 60 Hackerangriffe. Verbund- und Fernwassersysteme könnten im Störungsfall zusätzlichen Schutz bieten – wenn die dafür notwendigen Anlagen und Kapazitäten vorhanden sind.
Müssen sich die Menschen in den nächsten Jahren Sorgen machen, dass kein Wasser mehr aus dem Hahn kommt?
Nein. Die bayerische Wasserversorgung steht nicht still. Wenn notwendige Investitionen und regionalen Verbundstrukturen umgesetzt werden, wird das Wasser weiter aus dem Hahn kommen – aber nicht zum Nulltarif.
Interview: Stephan Großmann
Das vollständige Interview sowie weitere Artikel zu diesem und anderen Themen finden Sie auf fränkischertag.de.
Fotos: Stephan Großmann
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